Jenseits der Matte – „viniyogisches“ Yoga im Alltag für Menschen mit Hochsensibilität?!
Yoga findet nicht nur auf der Matte statt. Was könnte entstehen, wenn die Yogapraxis ihren Weg in den Alltag findet? Der Beitrag lädt dazu ein, „viniyogisches“ Yoga einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten – mit Blick auf die besonderen Erfahrungen von Menschen mit Hochsensibilität.
"„Viniyogisches“ Yoga endet nicht mit der Yogamatte: Im Alltag kann sich eine individuell ausgerichtete Praxis auf ganz unterschiedliche Weise mit dem eigenen Erleben und den persönlichen Lebensbedingungen verbinden."
Der nachfolgende Text soll mögliche Anregungen – und nicht mehr und nicht weniger – sowohl für Menschen mit dem Persönlichkeitsmerkmal "Hochsensitivität" als auch für angehende und bereits ausgebildete Yogalehrer:innen und Menschen aus jeglichen Gesundheitsberufen und darüber hinaus allen interessierten Personen bieten.
Hierbei soll auf die einzelnen Elemente des Titels eingegangen werden, natürlich ohne Anspruch der Vollständigkeit oder „Richtigkeit“, sondern als kleinen „Appetithappen“ für den Leser um auf den „Geschmack“ zu kommen, seine ganz eigenen, einzigartigen Gedanken und Assoziationen zum Thema schweifen zu lassen und sich davon zu „nähren“.
Um das Lesen, ggf. das Hören und das Schreiben selbst als Möglichkeit einer „viniyogischen“ Aktivität / Meditation des Alltags anzubieten, wird der Text bewusst von der Autorin in 3.Person geschrieben. Dies soll einladen in einer Metaebene, einer Beobachterrolle zu wechseln und gleichzeitig sich als „Ausführender“ (Lesender, Schreibender, Fühlender, Denkender...) neugierig und neutral zu betrachten.
Also, was könnte Viniyoga und „vinyogisches“ Yoga möglicherweise bedeuten?
Vielleicht fragen Sie sich lieber Leser, ist „das“ wieder eine neue Form von Yoga?
Auch wenn bewusst in diesem Text viel Konjunktiv eingesetzt wird, kann die Autorin von diesem Essay diese Frage verneinen.
Yoga bedeutet (soweit eine Tradierung in Worten möglich ist) so etwas wie „Verbindung“.
Viniyoga im Speziellen ist keine Form von Yoga, sondern eine Art wie Yoga praktiziert werden könnte. Der Begriff „Viniyoga“ stammt aus dem Sanskrit und ist kein Nomen, sondern ein Adjektiv und beschreibt soviel wie „etwas angemessen benutzen“.
Ergo es geht scheinbar darum „etwas“ was einhergeht mit einem „Verbindungsmodus“ oder / und „etwas“ um diesen zu erfahren / sich daran zu erinnern und auf individueller Weise einzusetzen.
Das Augenmerk auf diese Anwendung lenkte der indische Yogaleher T.K.V. Desikachar – der Sohn und mehr als drei Jahrzehnte lang der engste Schüler von Krishnamacharya (der zwischen 1888 und 1989 lebte und nicht nur als Vater von T.K.V. Desikachar sondern auch als „Vater des modernen Yogas“ beschrieben wurde). Sowohl Vater als auch Sohn sahen Yoga vor allem als individuelle, ganzheitliche Möglichkeit zur Prävention und Therapie gesundheitlicher, körperlicher und seelischer Probleme. Als T.K.V. Desikachar beobachtete, wie im Westen Yoga angewendet wurde, betonte er die „Viniyoga-Art“. Auslöser war, dass er Diskrepanzen zu den ursprünglichen Prinzipien wahrnahm: er sah grosse Gruppen mit vielen Menschen, die die gleichen Asanas (Körperübungen), Pranayamas (Atemtechniken) und Meditationen ausführten – unbeachtet von ihrem Geschlecht, ihrem Alter, ihren Bedürfnissen, ihren Zielen, ihren Persönlichkeitsmerkmalen, ihren körperlichen, psychischen oder mentalen Potential und Möglichkeitsrahmen, ihrem allgemeinen Gesundheitszustand, ihrer Sensitivität und ihrer Kultur. Daneben stellte er ein Fehlen oder Mangel der Umsetzung der ganzheitlichen Möglichkeiten die „viniyogisches“ Yoga bieten könnte (Beachtung und Integration von Ernährung, Lebensstil, Astrologie und Beachtung der ganz individuellen Gestaltung aller Alltagsbereiche sowohl beruflich als auch sozial und privat), fest. T.K.V. Desikachar deutete mit Nachdruck darauf hin, dass solche Aspekte und Kontexte aber von entscheidender Bedeutung für die Wirkung und Nebenwirkung von Yoga sind. Er stellte daher vor, wie es aussehen könnte, Variantenreichtum in die Lektionen zu bringen – unter Anwendung des „Sthira-Sukham-Asanam-Prinzip“ („entspannt / leicht und stabil zugleich“), Beachtung der Wirbelsäule, Fokus auf die Atmung und Anwendung des „Vinyasa krama“-Konzeptes (Synchronisation der Bewegung und Atmung beim sukzessiven Aufbau der Asanas), nach dem Motto: „ es gibt so viele Asanas wie es Menschen (und Momente) gibt“.
Das heisst, abhängig von der Verfassung und Intention der Übenden kann eine Lektion körperlich, geistig und / oder emotional sehr fordernd oder eher einfach ausgerichtet sein und kann stark individuell variieren. Dasselbe gilt für die „Anregungen“ und Umsetzungen holistischer Aspekte jenseits der Matte. Es ist immer abhängig davon, welche Ziele im Vordergrund stehen und an welche Menschen sie sich richtet. So sollte es sein, wenn Viniyoga „ viniyogisch“ ausgeführt wird.
In vielen Fällen – auch bei Menschen (Praktizierende und Yogalehrer), die sich nicht direkt mit Viniyoga auseinandersetzten – wurde und wird dies wunderbar integriert.
Doch daneben setzte ein nur so menschlicher „Reflex“ ein, der T.K.V. Desikachar zum wundern brachte: In manchen Fällen wurden zwar Prinzipien der oben genannten Konzepte und Übungssysteme umgesetzt, doch schienen die Konzepte (verständlicherweise) so verführerisch, wieder „etwas“ in einer Form zu pressen und dadurch wieder den individuellen Part zu verlassen.
So wurde nun Yoga augenscheinlich „sanfter“ ausgeführt - zumindest eindimensional betrachtet, „pandimensional“ betrachtet wurde in manchen Fällen nun eben auch mehr oder weniger hier und da (sicher mit gut gemeinten Intentionen und aufgrund verständlicher natürlich menschlicher Neigungen) ein „Einheitsbrei“ raus gemacht ( der vielleicht ein paar mehr Zutaten enthielt, aber durch das Vermengen, dieser Zutaten nicht mehr geschmacklich und visuell von einander unterschieden werden konnte).
In welchen Zusammenhang steht dies nun mit dem Persönlichkeitsmerkmal „Hochsensitivität“?
Nun ein paar kurze Sätze dazu: in diesem Text wird an der Definition von E. Aron angelehnt (die als bekannt vorausgesetzt wird, ansonsten an entsprechender Stelle nachgelesen werden kann). Es wird bewusst von „Hochsensitivität“ und nicht „Hochsensibilität“ in diesem Test geschrieben, da in der deutschen Sprache „ Sensibilität“ in vielen Köpfen konnotiert ist mit einer Eigenschaft, die aber den neurologischen Kontext nicht wieder spiegelt und der Begriff der „ (Hoch)Sensitivität“ sich eher der englischen Übersetzung annähert.
Zudem sei erwähnt, dass die Autorin die Beschreibung "Intensivwahrnehmung", „überdurchschnittliche Sensitivität“ oder „Komplexwahrnehmung und -verabeitung“ bevorzugt, in diesem Text aber das bekanntere Label „Hochsensitivität“ nutzt.
Und nun eine kurze Analogie für ein Verständnis, warum hier speziell auf dieses Persönlichkeitsmerkmal eingegangen wird, die auf den ersten Blick vielleicht lapidar wirken kann und könnte:
Stellen Sie sich einen Menschen vor, der eine überdurchschnittliche Körpergrösse hat. So, nun ist dies keine Krankheit, aber eine Devianz, also eine Abweichung der Norm. Diese Devianz bringt verschiedene Herausforderungen ( z.B. Beim Kleiderkauf, Hauskauf/gestaltung, man denke an die kleinen Türen und Deckenräume von alten Häusern in manchen Regionen, Berufswahl wie z.B. Ausschluss einer Steward:essenkarriere) sowie Möglichkeiten (die hohen Regale im Supermarkt, Überblick, schnelleres Gehtempo ohne Anstrengung bei grössere Schrittlänge usw...) mit sich. An dieser Stelle wurde übrigens bewusst nicht von Vor- oder Nachteilen geschrieben, da es hier eigentlich um simpel neutrale Eigenschaften geht, die im Auge des Betrachters so oder so interpretiert werden können.
Nun sieht man diese Devianz der Körpergrösse im Aussen - je nachdem mehr oder weniger - bei dem Persönlichkeitsmerkmal „Hochsensitivität“ ist dieser Aspekt vielleicht nicht so deutlich oder auf andere Weise...Aber das Prinzip der unterschiedlichen Herausforderungen und Möglichkeiten im Vergleich zur vorherrschenden Norm lässt Analogien erkennen.
Demnach könnte jenes bedeuten, dass Menschen mit jenem Persönlichkeitsmerkmal - neben individuellen unzähligen Eigenschaften, wie andere Individuen auch eben entsprechend z. B. hinsichtlich der Art und Weise von der Ausführung von Aktivitäten, Kommunikation, Gestaltungen von Situationen und Alltag usw. - nicht bessere oder schlechtere, aber eben einfach andere Eigenschaften hinsichtlich Herausforderungen und Möglichkeiten – aufweisen können als Menschen mit durchschnittlicher Sensitivität. Folglich können natürlicherweise auch die Bedürfnisse und Intentionen bei der „Ausübung“ bzw. dem „Erfahren“ von Yoga im Sinne von „Verbindung“ eben einfach anders sein.
So kann beispielsweise die Reizfülle zu einem erhöhten Sympathikustonus führen und ein scheinbares „sanftes“ Yoga, also ein Unterdrücken möglicher physischer Energien, eher zu einer Starre als zu einer wahrlichen Entspannung hinleiten. Da Menschen mit den oben genannten Persönlichkeitsmerkmal aufgrund dessen, dass sie zu einer „Randgruppe“ gehören plus eben die Umgebung stark wahrnehmen, ist es nicht selten dass jene sich anpassen – dadurch aber ihre persönlichen Ziele sowie das „Sthira-Sukham-Asanam-Prinzip“ (= entspannt/ leicht und stabil) nicht erreichen können. Eine Starre führt neben einer Anspannung zudem zu einer Instabilität (vgl. der im Winde wiegende Grashalm oder Bambusstamm und der zu Bruch gehende starre Baumstamm).
Die Thematik der Reizfülle könnte darüber hinaus bei einem „Zusatz“ von nicht angemessenen „Übungen“ das Risiko einer weiteren Reiz(über)flut(ung) erhöhen. Des Weiteren sei vielleicht zu beachten, dass bei Menschen mit Devianzen generell dann Leidensdruck entstehen könnte (selbstverständlich abhängig von systemischen Faktoren und Prägungen), wenn jene Einfluss auf die Ausführung der alltäglichen Tätigkeiten haben. Hierbei können alle Bereiche des Alltags und alle Ebenen (physisch, psychisch, mental sozial, spirituell) betroffen sein. Aus diesem Grund könnte die Alltagstauglichkeit (z.B. individuell, „viniyogisches“ ausgeübtes Yoga der Ernährung, des Lesens, des Schreibens, des Bewegens, des Arbeitens usw.) für Menschen mit dem Persönlichkeitsmerkmal „Hochsensitivität“ einen besonders hohen Stellenwert haben.
Um weiter in der bildhaften Sprache zu bleiben: nun stellen Sie sich einmal vor, man würde die überdurchschnittliche Körpergrösse eines Menschen, bei dem die Devianz eigentlich eindeutig vorhanden ist, nicht mit dem Auge sehen könnte. Stellen Sie sich weiter vor, derjenige selbst, würde seine Devianz auch nicht sehen und nichts davon wissen. Stellen Sie sich jetzt vor, er habe sein ganzes Leben viel Anstrengung gebraucht um sich anzupassen, um sich zu bücken in dem Glauben , dass alle diese Anstrengung tätigen müss(t)en. Stellen Sie sich weiter vor, sie stehen nun vor einem hohen Regal und gehen davon aus, dass der Mensch mit der (für sie und ihn nicht ersichtlichen Körpergrösse) von der Körpergrösse kleiner ist als sie. Stellen Sie sich nun vor, dass sie aufgrund eines Gerechtigkeits- und / oder Gleichberechtigungsstreben oder Höflichkeit oder Empathie oder sonstigen gutgemeinten Intentionen, diesem Menschen einen Hocker anbieten, damit der mutmasslich von der Körpergrösse kleinere Mensch auch das Regal erreichen kann. Stellen Sie sich des weiteren vor, dass derjenige dankbar ist (da er auch davon ausgeht von der Körpergrösse kleiner zu sein als Sie). Er steigt nun (in sowieso schon gebückter Körperhaltung) auf den Hocker und muss entsprechend sich noch mehr anstrengen, da er sich noch mehr bücken muss.
Wenn Sie sich etwas mit „Hochsensitivität“ auseinandergesetzt haben, können Sie sicher dieses Beispiel leicht übertragen - auch in Situationen in der jene Menschen mit einem „Einheitsbrei(vini)yoga“ in Berührung kommen.
Lieber Leser verstehen Sie die Autorin an dieser Stelle aber nicht falsch: es ist nicht schlecht „ein Hilfsmittel“ (sei es ein formelles Hilfsmittel, ein Modell, ein Konzept, eine Struktur“ oder eine Technik oder was auch immer) zu nutzen (auch oder insbesondere beim „Erfahren“ von Yoga im Sinne von „Verbindung“).
Wenn Sie beispielsweise vor einem vollen Teller sitzen und nicht wissen wie sie ihre Hände, ggf. Besteck und ihre Kauwerkzeuge nutzen können, können sie verhungern.
Wenn Sie jedoch die Werkzeuge mit der Nahrung selbst verwechseln, können Sie sich auch nicht nähren, sondern verletzen (falls sie sich dann in den Finger oder in den Löffel beissen).
Demgemäss scheint: die nicht-individuelle Umsetzung von (Vini)Yoga kann nur bedingt und begrenzt den naturgemässen Bedürfnissen, Zielen, Intentionen und Möglichkeitsrahmen von Menschen mit dem Persönlichkeitsmerkmal „Hochsensitivität“ gerecht werden.
Jedoch eine wirklich individuell ausgerichtete Praxis von Yoga (direkt in den Lektionen und indirekt im Alltag) könnte das vegetative Nervensystem regulieren, beim Differenzieren helfen, unterstützen mit der Intensität von Reizen und der vertieften Informationverarbeitung ressourcenorientiert umzugehen sowie aufgrund dessen und mehr Aspekten die Lebensqualität steigern.
Zudem scheint insbesondere der Einbezug von intuitiven Bewegen prophylaktisch gegen das Verfallen und Verharren in (alten) oder (neu gestalteten) Formen ein gutes Instrument zu sein und der Individualität von Menschen und Momenten asymptotisch möglicherweise eher gerecht zu werden.
So könnten die von Imogen Dalmann und Martin Soder beschriebenen Grundprinzipien - individuell angepasst auf die Sensitivität des „Übenden“ und / oder „Lehrenden“ - als „ Werkzeug“ unterstützend wirken. Diese wären:
-> „Gestaltung entlang der individuellen Anliegen und Gegebenheiten
-> Orientierung entlang konkreter Wirkung und individueller Erfahrung
-> Einheit von Körper, Atem und Geist
-> Bewegung ist meist wirksamer als Statik
-> Intelligenter Praxisaufbau
-> Einfachheit der Übungen und Variantenreichtum
-> Schmerzfreiheit im Üben
-> Keine Leistungsorientierung, Qualität und Funktion steht vor der Form
-> Selbständigkeit und Eigenkompetenz
-> Kontinuität im Üben»
Wenn sich diese Grundprinzipien und Methodiken wie ein roter Faden sowohl durch die Vorbereitungen („purvanga“) als auch durch den Ausgleich („pratikriyasana“) für die jeweiligen Referenzasanas ziehen, könnte dies das Kohärenzgefühl von Menschen mit dem Persönlichkeitsmerkmal „Hochsensitivität“ stärken.
Die Autorin lässt an dieser Stelle bewusst Raum für den Leser um diese „Werkzeuge“ individuell zu „ begreifen“ und einzusetzen und neben den Asanas jene auf Alltagstätigkeiten ( z.B. lesen, schreiben, hören, essen) zu transferieren.
Möglicherweise könnte also „viniyogisch“ angewendetes respektive erfahrbares Yoga einen Beitrag zur Entfaltung der Möglichkeitsräume von Menschen mit der Persönlichkeitsveranlagung „Hochsensitivität“ bieten...