Beziehungspflege im Alltag: Wie gut kennt ihr euch heute?
«Das magst du doch gar nicht.» Vielleicht stimmt das. Vielleicht auch nicht mehr. Wie ihr als Paar neugierig aufeinander bleibt, ohne eure Beziehung zum Projekt zu machen. Mit einer kleinen Idee für euren nächsten Abend.
Von Tanja Paola Hasbi und Ismael Hasbi, ganz normal kompliziert
Stellt euch diese Szene vor: Beim Abendessen sagt jemand: «Ich würde dieses Jahr gerne meinen Geburtstag feiern.»
Die Antwort kommt sofort: «Du? Du magst doch keine Partys.»
Vielleicht war das jahrelang richtig. Geburtstage waren bisher am schönsten, wenn möglichst niemand etwas davon wusste. Nur ist in diesem Moment gerade ein Wunsch aufgetaucht, der nicht ganz zur bisherigen Geschichte passt.
Die eine Person denkt: «Ich kenne dich doch.» Bei der anderen kommt an: «Offenbar darf ich nichts anderes wollen als früher.»
Eine kleine Szene. Aber eine interessante Frage steckt darin: Wie viel Platz lassen wir einander für eine Antwort, mit der wir nicht gerechnet haben?
Vertraut sein, ohne einander festzulegen
Es ist etwas Schönes, sich zu kennen. Zu wissen, wann ein Blick genügt, welcher Witz garantiert funktioniert und wann man mit einem gut gemeinten Vorschlag lieber noch einen Moment wartet. Diese Vertrautheit möchten wir nicht missen.
Interessant wird es dort, wo aus «Ich kenne dich» unbemerkt ein «Du bist so» wird.
«Du brauchst immer einen Plan.»
«Du willst doch am liebsten deine Ruhe.»
«Über solche Dinge redest du sowieso nicht gerne.»
Solche Sätze können auf echten Erfahrungen beruhen. Trotzdem lohnt sich die Frage, ob sie heute noch stimmen. Vielleicht braucht jemand inzwischen weniger Planung. Mit «Ruhe» kann heute ein Abend ohne Verantwortung gemeint sein und nicht unbedingt ein Abend allein. Auch ein Gespräch wäre womöglich willkommen, wenn es anders beginnen würde als bisher.
Eine alte Antwort kann einmal richtig gewesen sein, ohne für immer zu gelten.
Für uns gehört das zur Beziehungspflege im Alltag: dem Menschen neben uns die Gelegenheit geben, selbst zu sagen, was ihn gerade beschäftigt, begeistert oder neugierig macht. Auch dann, wenn wir ziemlich sicher sind, die Antwort schon zu kennen.
Ein freier Nachmittag und zwei Vermutungen
Das lässt sich ohne grosses Beziehungsgespräch ausprobieren.
Nehmt beim nächsten gemütlichen Moment zu zweit diese Frage mit:
«Wir haben einen freien Nachmittag nur für uns. Worauf hättest du mit mir gerade wirklich Lust?»
Überlegt zuerst beide kurz für euch, was eure eigene Antwort wäre. Dann sagt ihr einander reihum, was ihr beim Gegenüber vermutet. Erst danach verratet ihr, was ihr euch tatsächlich gewünscht hättet.
Vielleicht liegt ihr völlig richtig. Es kann aber auch sein, dass ihr lachen müsst, weil die Vorstellung der anderen Person so gar nicht zu eurer heutigen Stimmung passt. Beides ist interessant.
Ein falscher Tipp ist dabei kein Beweis dafür, dass ihr euch nicht kennt. Es ist schlicht eine Gelegenheit, etwas zu erfahren, das vorher noch nicht ausgesprochen war.
Die spannendere Frage kommt nach dem Raten:
«Was wäre dir daran gerade besonders wichtig?»
Angenommen, du hast auf einen Ausflug getippt. Dein Gegenüber würde aber viel lieber mit dir zu Hause kochen. Dein erster Gedanke könnte sein: «Wir sind doch ständig zu Hause.»
Die Antwort könnte lauten: «Ja. Aber ich würde gerne mal mit dir etwas ausprobieren, ohne gleichzeitig fünf andere Dinge zu erledigen.»
Nun weisst du mehr als vorher. Es geht nicht einfach um die Wahl zwischen Ausflug und Küche. Es geht darum, wie sich dieser Nachmittag anfühlen soll.
Dabei könnt ihr entdecken, dass hinter zwei verschiedenen Vorschlägen ein ähnlicher Wunsch steckt. Es kann sich aber auch zeigen, dass ihr gerade tatsächlich Unterschiedliches braucht. Auch das darf erst einmal stehen bleiben.
Eine neue Antwort ist noch kein Auftrag
Neugierig zu fragen bedeutet nicht, jedem Wunsch zustimmen zu müssen.
Du kannst verstehen wollen, warum dein Gegenüber etwas ausprobieren möchte, ohne selbst sofort begeistert zu sein. Ihr dürft euch gegenseitig überraschen und trotzdem unterschiedliche Vorlieben behalten.
Das ist ein wichtiger Teil unseres Gedankens «Ich. Du. Wir.»: Ich darf herausfinden, was mir heute wichtig ist. Du darfst eine andere Antwort haben. Und wir können schauen, was wir daraus miteinander machen möchten.
Daraus kann eine gemeinsame Idee entstehen oder etwas, das eine Person zunächst für sich ausprobiert. Eine Beziehung muss nicht daran gemessen werden, wie vollständig zwei Menschen dasselbe wollen.
Für das kleine Nachmittagsexperiment heisst das: Ihr müsst anschliessend weder einen Termin buchen noch einen perfekten Plan ausarbeiten. Es reicht auch, etwas Neues voneinander zu wissen.
Und wenn eine Idee bei euch beiden Lust auslöst, könnt ihr überlegen, welche kleine Version davon in eure nächste Woche passt.
Auch eine vertraute Antwort ist etwas wert
Natürlich muss sich nicht ständig alles verändern.
Dein Gegenüber liebt noch immer denselben Spaziergang, dasselbe Essen und dieselbe Art, einen Sonntag zu verbringen? Dann darf genau das eure Antwort sein.
Es geht nicht darum, die Beziehung immer wieder neu zu erfinden. Wir finden nur, dass es einen Unterschied macht, ob wir etwas gemeinsam wählen oder ungefragt davon ausgehen, dass es schon passen wird.
Auch «Ja, genau das mag ich immer noch» kann ein schöner Moment sein. Darin steckt die Gelegenheit, zu erzählen, weshalb etwas vertraut und wertvoll geblieben ist.
Und manchmal steckt eben ein «Inzwischen eigentlich nicht mehr» darin.
Beides hat Platz.
Vielleicht beginnt Beziehungspflege deshalb gelegentlich damit, einen vertrauten Satz nicht zu Ende zu sprechen. Statt «Du magst doch keine Partys» könnte die Antwort auf den Geburtstagswunsch einfach lauten:
«Was stellst du dir vor?»
Ob daraus ein grosses Fest oder ein Kuchen mit drei Lieblingsmenschen wird, ist noch offen. Aber das Gespräch hat gerade eine interessante Richtung bekommen.
Über Tanja, Ismael und ganz normal kompliziert
Wir sind Tanja Paola Hasbi und Ismael Hasbi. Tanja bringt ihren Hintergrund als diplomierte psychologische Beraterin ein, Ismael als ausgebildeter Sexcoach und ganzheitlicher Sexualberater. Mit ganz normal kompliziert gestalten wir Beziehungspflege für das echte Leben in Schlieren bei Zürich. Uns interessiert, wie Vertrautheit und Eigenständigkeit miteinander Platz haben und was es auch nach vielen gemeinsamen Jahren noch zu entdecken gibt.
Mit Paarzeit bekommt diese Neugier einen vorbereiteten Abend: drei Stunden mit Gesprächen und spielerischen Momenten zu zweit. Wir begleiten euch, die persönlichen Gespräche bleiben bei euch als Paar.